Montréal – Ottawa – Toronto

Samstag, 8. Juni 2013
Québec City QC, CA — Laval bei Montréal QC, CA 0 Km (Fahrrad), 263 Km (Bus)
Bustransfers sind nicht jedermann- (fraus) Sache. Die Vergnügungsspannweite einer Busfahrt ist variabel. Ich erinnere mich an Teenager Kult-Busfahrten nach Göteborg 1996 oder Benidorm 1997 sowie an die meist erfolglosen YB-Auswärtsfahrten als man noch im Bus zu den Auswärtsspielen reiste und regelmässig mit Packungen (Niederlagen) nach Bern zurückfuhr. Linienfernbusfahren ist in Kanada verbreitet und eine zuverlässige, günstige Alternative zu Zugsfahrten.

Sonntag, 9. Juni 2013
Montréal QC, CA 0 Km (Fahrrad), Grand Prix von Kanada
Ich trage eine Pilotenbrille und kaschiere damit mein Unwissen in diesem Sport. Ein Argentinier vermittelt mir das Formel Eins Einmaleins. Um uns stehend eine Italienerin, ein Italiener und ein Kanadier an einer scharfen Kurve. Die Motoren heulen und die Zuschauer warten gespannt bis die Piloten die Bremsen an Ihren Rennwagen lösen. Eine Minute nach dem Start tauchen die Renngeschosse in unserer Kurve auf. Die südländischen Kollegen Supporten die Fahrer von Ferarri. Vettel gewinnt. Beeindruckend ist der Motorensound und noch vieles mehr…

Montag, 10. Juni 2013
Laval bei Montréal QC, CA — Saint-Polycarpe QC, CA 67.8 Km (Fahrrad)
Das Ziel Toronto liegt rund 600 Km westlich von Montréal. Ich rechne mit lockeren Flachetappen, welche in rund einer Woche zu bewältigen sind. Der Umweg über Ottawa – Kanadas Hauptstadt – bedeuten drei Extratage.
Ich bewege mich an diesem Tag, trotz der Pause in Québec oder vielleicht gerade deswegen, körperlich und mental auf einem Niveau, was knapp ausreichen würde einen Bernmobil Billetautomaten bedienen zu können. Alex Zülle hatte in den 1990er Jahren in solchen Momenten jeweils beschlagene Brillengläser, wobei ich mich niemals mit meinem damaligen Idol zu vergleichen versuche. Es kommt wie es kommen muss: Der Hammermann schlägt mir ins Gesicht. Muskelschmerzen und Hungerattacken bereits nach 300 Metern Fahrradfahren. Pharmazeutische Hilfe aus Novartis Basel und eine Zwiebelsuppe bringen die gewünschte Geschmeidigkeit zurück. Am Abend treffe ich in Saint-Polycarpe auf François, welcher einiges zu erzählen hat. Er war bis in die frühen 1980er Jahre als Grossrechnerspezialist für diverse kanadische Mulitkonzerne unterwegs, war danach erfolgreicher Künstler, fiel in jungen Jahren unglücklich auf seinen Rücken, konnte deswegen vor drei Jahren nicht mehr gehen und ist im Moment mit seinem Solarvelo (30% mehr Reichweite als konventionelle Elektrovelos) in Ostkanada unterwegs. Die Nacht in seinem 177 Jahre alten Bauernhaus ist die letzte in Québec.
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Dienstag, 11. Juni 2013
Saint-Polycarpe QC, CA — Ottawa ON, CA 151 Km (Fahrrad)
Gestern auf einem Fahrradweg noch fast eine Schildkröte angefahren, regnet es heute aus Kübeln bei kühlen 13 °C. Ich entscheide mich trotzdem für die Fahrt nach Ottawa. Erst um 22:30 Uhr erreiche ich die Hauptstadt Kanadas.
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Mittwoch, 12. Juni 2013  Ottawa QC, CA 0 Km (Fahrrad), Stadtbesichtigung In Stadt und Agglomeration leben ca. 900’000 Menschen. Die Häuser des Parlaments befinden sich in der Nähe des Ottawa Rivers, einem Nebenfluss des St. Lawrence Rivers. Da die Toilettenanlage meiner Gastgeberin Paola de Rose zufällig in die Brüche geht, sehe ich einen kanadischen Baumarkt „Home Depot“ zum ersten Mal von innen. Diese Überraschung ist unerwartet. Einen Unterschied zu Bauhaus, OBI und Co. konnte ich nicht feststellen. Christian Gross und Michael Silberbauer, ehemalige Autogrammgeber im Bauhaus hätten beim Mithelfen mit ihrer kompakten Grizzliepower sicher auch im Home Depot eine gute Figur gemacht. (Für Interessierte: Bericht im „zum Runden Leder„, Live Trainingsauftakt vor zwei Jahren) DSCN0930DSCN0962

Donnerstag, 13. Juni 2013 
Ottawa ON, CA — Rideau River Provincial Park ON, CA 50.2 Km (Fahrrad)
Ich verlasse die Hauptstadt um 15:00 und beziehe den Campingplatz gegen Abend. Alleine zu Zelten ist in Nordamerika teuer, denn man bezahlt nicht pro Person und Zelt, sondern pro zugewiesenen Platz. Um den Geldbeutel zu schonen ist es ratsam Gleichgesinnte zu suchen, denn je mehr Leute sich einen Platz teilen umso günstiger ist die Übernachtung. Per Zufall treffe ich auf einen interregionalen Motorradclub, welcher in der Gegend eine Motocross Tour durchführt. Einige Biker warten Ihre Motorräder direkt auf dem Campingplatz während sich andere lieber mit Hülsen aus Aluminimum beschäftigen.

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Freitag, 14. Juni 2013
Rideau River Provincial Park ON, CA — Waterways Campground, Portland, ON, CA 79.1 Km (Fahrrad)
Paul Demers warnte mich in Burlington VT, USA vor langweiligen Abschnitten westlich von Montréal. In der Tat zeigt sich die Landschaft eher monoton als aufregend. Während dem Fahren arbeitet mein Hirn nur noch im Stand By Modus. Die Szenerie ist vergleichbar wie wenn man stundenlang vor der Quasimodo Bar in einer Warteschlange um Einlass bittet und aus Langweile deshalb beinahe das Nachhausetaxi bestellen würde. Am Abend gibt es dafür einen Sonnenuntergang zu bestaunen.

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Samstag, 15. Juni 2013
Waterways Campground, Portland, ON, CA — Verona, ON, CA 53.1 Km (Fahrrad)
5 km nach dem Start erscheint in einem Feld eine Photovoltaik-Solaranlage. Die Zellenfläche ist um einiges Grösser als diejenige des Wankdorfstadions.

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Das heutige Ziel heisst Greater Napanee. Da sich ein Zufall ereignet, erreiche ich diesen Ort nicht:
Als ich in Verona meine Karte studiere, taucht John Sherk auf seinem Roller auf. Er fragt mich, ob ich Hilfe in meiner Orientierung brauche. Sofort kommen wir ins Gespräch. Schlussendlich übernachte ich anstatt auf einem Zeltplatz in seinem Ferienhaus. Am nahegelegenen Teich zeigt er mir sein Kanu und lädt mich zu einem spontanen Trip ein. Sherk erfahrener Kanumaster zeigt mir einen für die Region typischen Teich. In Kanada gibt es tausende solcher Teiche. Im Winter sind sie lange zugefroren, auf denen man Eishockey spielen kann. Dies ist vielleicht der Hauptgrund weshalb Eishockey in Kanada keine Randsportart, sondern das Nonplusultra aller Sportarten ist. In jedem Haushalt hat es im Minimum zwei Hockeystöcke und vier Schlittschuhpaare. Die schwarze Scheibe (Puck) legt man zum Schlafen unters Kopfkissen und mindestens ein Eishockeytalent in jeder kanadischen Familie versucht(e) sein Glück mit Eishockey Geld zu verdienen.

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Sonntag, 16. Juni 2013
Verona, ON, CA 0 Km (Fahrrad) Ruhetag
Wenn es regnet, dann regnet es. Deshalb lasse ich das Fahrrad in der Garage und bleibe einen Tag länger als geplant. John Sherk hat Schweizer und Berner Wurzeln. Der Name Sherk ist von Schürch abgeleitet. Viele der Schürchs waren Täufer und diese wurden vor hunderten von Jahren aus der Schweiz und Europa vertrieben. Dehalb lebt die Familie John Sherk in Kanada und nicht mehr auf dem alten Kontinent.

Montag 17. Juni 2013
Verona, ON, CA — Bloomfield Prince Edward, ON, CA 98.0 Km (Fahrrad)
Es soll nicht mehr allzu lange dauern bis das Ziel Toronto erreicht ist. In Bloomfield ein Fotoshooting mit einem freischaffenden Fotografen, welcher Fotos von fahrenden Bikern machen will. Er sagt in Nordamerika sei Fahrradfahren eine Boomsportart und er wolle deshalb Bilder von Bikern verkaufen.

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Rick, Geschäftsfuehrer von bloomfieldbicycle.ca, ernährt sich ausschliesslich mit frischen, lokalen Esswaren. Er erklärt uns in einer Art Gutenachtgeschichte warum er dies tut. Seine Meinung: „Grosse Lebensmittelhersteller ruinieren den Konsumenten langfristig mit ungesunden Esswaren wie Hamburger, Fertigprodukten, überzuckerter Babynahrung oder Junkfood“.
Als ich ihm erzähle, dass ich auf einem Abschnitt beinahe 300g einer bekannten Amerikanischen Markenmilchschokolade verzehrt habe, meint er dass ich mind. ein halbes jahr warten müsse bis alle Giftstoffe aus dem Körper ausgewaschen sind.


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Dienstag 18. Juni 2013
Bloomfield Prince Edward, ON, CA — Cobourg, ON, CA 87.4 Km (Fahrrad)
Lenore und Art, unterwegs als Ehepaar auf einem Tandem, Rick und ich werden von Katie mit einer Waffelmischung gestärkt. Ich radle entlang des Lake Ontarios, welcher knapp die Hälfte der Fläche der Schweiz aufweist. Ich sehe kilometerlange Güterzuege, welche in bernischem Tempo in Richtung Toronto tuckern. In Couborg treffe ich auf Maria. Mit von der Partie, Lenore und Art zum Zweiten sowie Jan aus Holland. Jan bereist die Erdkugel in Total zwei Jahren aussliesslich auf seinem Fahrrad. Entsprechend hat er während des Nachttischs Einiges an Geschichten zu erzählen.
Einmal campierte er in einem öffentlichen Park. Dabei er wurde von der Polizei nicht etwa weggewiesen, sondern diese beschützte ihn die ganze Nacht mit einer professionellen Wachtpatroullie.

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Mittwoch 19.Juni 2013
Cobourg, ON, CA 87.4 Km (Fahrrad) — Toronto, ON, CA 112 Km (Fahrrad)
Zum Morgenessen gibt es:
– drei Tassen Wasser
– zwei Tassen Kellogs Getreide Blöcke , ungezuckert
– drei bis vier Löffel Erdnussbutter
– Frische Beeren aller Art
– zwei bis drei Löffel Schokopulver
– Maple Sirup als Süssmittel
Die Energiedichte dieses Menues ist Super hoch.

1. Einen Schluck Wasser in der Pfanne oder auf dem mobilen Gasbrenner zum Kochen bringen
2. Erdnussbutter hinzufügen
3. Unter ständigem rühren zum Schmelzen bringen
4. Restliches Wasser hinzufügen und zum Kochen bringen
5. Kellogs Getreide Blöcke dazugeben
6. Rühren
7. Beeren hinzufügen und umrühren
8. Servieren und individuell mit Maple Sirup oder Honig versüssen

Die letzte Étappe von Cobourg nach Toronto führt durch weitläufiges Vorstadtgebiet, welches mehrheitlich zwischen 1950 und 1980 entstanden sind. General Motors Canada, ein Atomkraftwerk, gekühlt mit Wasser aus dem Lake Ontario und der Waterfront Trail sind zu sehen. Kurz vor Toronto treffe ich auf George, welcher heute mit seinem Rad von Toronto in umgekehrter Richtung nach New York City gestartet ist. Hat er den Tipp bei bloomfieldbicycle.ca zu übernachten umgesetzt? Ich freue mich auf das Wiedersehen mit den Sherks in Toronto.

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Donnerstag 20. Juni 2013 – 10. Juli  2013, City Aufenthalt in Toronto mit ca. 300 km (Fahrrad)
Die Stadt Toronto hat ca. 2.6 Millionen Einwohner. Zählt man die äussersten Suburbs wie Ajax oder York auch dazu sind es ca. 6.2 Millionen Einwohner, tendenziell immer noch steigend. Viele der Hochhäuser im Finanzzentrum wurden in den 1970er und 1980er Jahren gebaut, was man auch am Bausteil einiger Hochhäuser erkennen kann. Der Stadtbezirk West Downtown ist beeindruckend. Tausende von Kleiderläden sowie Kneipen sind in Katzensprüngen zu erreichen. Die Niagarafälle sind von Toronto aus in einem Tag zu besuchen. Ich wohnte bei den Sherks (Elizabeth, John und Norah) und bei Ted Sherk in West Downtown.

Der Schweizer Sportjournalist und Bernexperte Klaus Zaugg hätte über Toronto wohl geschrieben:

Drei Gründe warum die Wirtschaftsmetropole Toronto trotzallem mehr Gemeinsamkeiten mit Bern hat als mit Zürich.

1. Marco Schällibaums sitzt auf der Tribüne in Toronto
Der wohl beliebteste YB-Trainer der letzten 50 Jahre war hauptverantwortlich für den YB – Wiederaufstieg 2001.
Das Tribünencomeback des Zürchers in Toronto, ist nur in Bern ein Stammtischthema, weil Emotionen im Sport in Bern wichtiger sind als ein Zürcher Meistertitel in Zürich.

2. Torontos Eishockeykultstätte Museum Hall of Fame
Wäre Bern eine Stadt in Kanada, wäre der SC Bern in der Hall of Fame wichtiger als die Toronto Maple Leafs
und die Montréal Canadiens zusammen. Gibt es in Zürich ein Eishockeymuseum oder gar ein richtiges Eishockeystadion?

3. Der CN Tower
Der Zürcher Prime Tower (126 m) ist im Vergleich zum CN Tower (553 m) ein Mini Tower.
Mit Top of Europe (Jungfraujoch, 3471 m) ist Toronto näher bei Bern als bei Zürich.

Einige Impressionen aus Toronto und Umgebung:

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